KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 96
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Kirchners Druckerpresse
Ernst Ludwig Kirchner war nicht nur ein ausgezeichneter Maler, sondern ebenfalls ein leidenschaftlicher Grafiker. So fertigte er in knapp
vierzig Jahren mehr als zweitausend druckgrafische Motive an. Das Besondere dabei ist, dass
Kirchner fast alle seine Blätter in kleinen Auflagen
selbst druckte, anstatt wie viele seiner Kollegen professionelle Druckereien zu beauftragen.
Für diese Umsetzung revolutionierte er seinen
Anforderungen entsprechend den Druckvorgang
und benutzte eine Handpresse.
Die eiserne Druckerpresse erwarb Kirchner
vor 1919. Bereits in seinen Ateliers in Dresden
und Berlin fertigte er druckgrafische Abzüge auf
ihr an. Nach seinem Umzug nach Davos liess
er seine Abzüge vorerst von einer Druckerei
in Zürich anfertigen. Doch schon bald beauftragte
er seine Partnerin Erna Schilling, seine Druckpresse nach Frauenkirch schicken zu lassen.
Zusammen mit weiterem Umzugsgut wurde die
über einhundert Kilogramm schwere Presse
per Bahn und Schiff nach Davos transportiert.
« Auf ihr freundliches Schreiben […]
teile ich Ihnen ergebenst mit,
dass es sich […] allerdings um
Umzugsgut handelt. […] Die Presse
dient zur Herstellung von
Handdrucken für Holzschnitte,
sie soll mir die Arbeit […] etwas
erleichtern.» 1
Eine massive Handpresse
Die Druckpresse ist auf zwei kompakten Holzblöcken befestigt. Die Elemente der Presse selbst
wurden aus Eisen gefertigt, die Platten bestehen aus massivem Holz. Mehrere Zahnräder ermöglichten die optimale und exakte Einstellung
der Presse für Kirchners Anforderungen. Angetrieben wurde sie von Hand mit einer seitlichen
Kurbel, wodurch Kirchner die Geschwindigkeit
des Drucks selbst beeinflussen konnte.
Nach ihrer Ankunft in Davos fertigte Kirchner
im Jahr 1919 auf dieser Presse seine berühmten
Farbholzschnitte Wintermondnacht und
Wettertannen. Nach seinem Tod 1938 verkaufte
Erna Schilling die Handpresse an den Schweizer
Maler Rudolf Zehnder, der Kirchner 1926 in
seinem Haus auf dem Wildboden besucht hatte.
Heute ist sie Teil der Sammlung des Kirchner
Museum Davos.
1 Brief von Ernst Ludwig Kirchner an
das Zollamt, 1919, zit. n. Eberhard Kornfeld,
Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnung
seines Lebens, Bern 1979, S. 133.