KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 92
90
Stafelalp im Schnee
Wie andere frühe Davoser Arbeiten zeigt auch
dieses Werk noch den stilistischen Einfluss
Im Januar 1917 reist Ernst Ludwig Kirchner
aus Kirchners Berliner Zeit. So lässt der schnelle
das erste Mal nach Davos. Allerdings bleibt er nur Pinselstrich im Bereich des Himmels weiterhin
zwei Wochen, denn der Winter in Graubünden
den fächerartigen Farbauftrag erkennen. Der
ist ihm zu kalt. Im Mai desselben Jahres kehrt
Bildaufbau offenbart die typischen Perspektiver zurück und verbringt den Sommer oberhalb
sprünge: Für die Gebirgslandschaften und
von Davos Frauenkirch in der Rüesch-Hütte
Gebäude nutzt Kirchner unterschiedliche Blickauf der Stafelalp.
punkte. Dies ist besonders deutlich an den
Künstlerisch konzentriert sich Kirchner
verschiedenen Schattenwürfen auf den Hausin dieser frühen Davoser Zeit auf seine unmittel- dächern.
bare Umgebung. So dokumentiert er die einHerausragend ist Kirchners ausdrucksstarke
drucksvolle Alpenlandschaft sowie das alltägliche Farbwahl, die das Werk in drei optische Bereiche
Leben seiner Mitmenschen.
einteilt und sich über ein breites Spektrum beDas Ölgemälde Stafelalp im Schnee von 1917
wegt. In dem strahlenden Vordergrund leuchtet
zeigt ebendiesen Ort, an dem Kirchner seine
der Schnee in zartem Rosa, während er im
erste prägende Zeit in Davos erlebt. Der Blick
weiteren Verlauf in ein sehr helles Gelb wechselt.
fällt von der Stafelalp auf die umliegenden
Auch der Himmel zeigt sich farbenfroh: TannenHütten, deren Dächer mit Schnee bedeckt sind.
grün wechselt zu Mitternachtsblau und leuchAuf einem schmalen Pfad bewegt sich eine
tend rosa-rot-gelbe Wolkenbänder ziehen entdunkle Gestalt mit einem Pferd zu Fuss durch die lang. Fast eintönig erscheinen im Gegensatz dazu
Schneelandschaft. Der rechte Vordergrund
die kargen Berge im Hintergrund, deren Hänge
zeichnet sich durch gewaltige, schneebedeckte
nur teils von sanftem Abendrot erhellt werden.
Berghänge aus. Kirchner konzentriert sich
Stafelalp im Schnee schlägt eine Brücke
auf runde und sanfte Formen. Im Gegensatz dazu zwischen Kirchners Berliner Vergangenheit und
dominiert im linken Bereich ein Gebirgsmassiv
seinem zukünftigen Lebensort. Mit seiner ausden Hintergrund, das in der Ausführung eher
drucksstarken Komposition vermittelt das
spitz und hart wirkt. In der Ferne ragt die charak- Bild einen essenziellen Eindruck von Kirchners
teristische Spitze des Tinzenhorns in den
frühen Schweizer Impressionen und lässt
Himmel.
zugleich bereits seine künstlerische Weiterentwicklung erahnen.