KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 9
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Das Leben eines Bohemiens
Kirchner konstruiert sich ein Künstlerleben ganz nach seinen
eigenen Vorstellungen. Antibürgerlich und frei von gesellschaftlichen Erwartungen lebt er vollauf im Sinne der neuen Lebensreformbewegung. Er zelebriert auf seinen Reisen ein imaginiertes
ursprüngliches Leben und sucht nach einer Einheit zwischen
Mensch und Natur. Diese Suche findet manchmal mit dem Kanu
statt, manchmal mit Pfeil und Bogen oder einem Bumerang –
und das alles fast immer vollkommen nackt.
«Jedes Möbel, jeder Teppich war von ihm eigenhändig hergestellt.
Wenn man in seinen Raum trat, fühlte man sich auf einem
anderen Stern oder in einem weltfernen Jahrhundert.» 1
Für sein Leben als Bohemien benötigt Kirchner die passenden
Räumlichkeiten. Seine Studios in Dresden und Berlin sind zugleich
Arbeitsplätze, gesamtkünstlerische Wohnateliers und behagliche Rückzugsorte. Inmitten von Gemälden, Zeichnungen und
Skizzen, selbst entworfenen Textilien und Möbelstücken oder
Skulpturen trifft sich Kirchner mit seinen Freund:innen. Zwischendurch versucht er sich zusammen mit Max Pechstein als Lehrer
und gründet das MUIM-Institut (Moderner Unterricht in Malerei).
Allerdings ist die Nachfrage mit nur zwei Schülern eher gering.
Als Maler wiederum ist Kirchner zunächst mit der Brücke und
nach ihrer Auflösung 1913 als Einzelkünstler erfolgreich und lernt
wichtige Freund:innen und Förder:innen kennen.
Ernst Ludwig Kirchner,
Erna Schilling und
Ernst Ludwig Kirchner
im Atelier BerlinWilmersdorf, Durlacher
Strasse 14, um 1912 /14
1 Aus den Aufzeichnungen von
Carl Theodor Bluth, zit. n. Volker Wahl,
« Von Jena nach Davos. Stationen eines
Künstlerlebens », in : Ernst Ludwig Kirchner.
Von Jena nach Davos, Ausst. - Kat.
Jenaer Kunstverein, Städtische Museen
Jena, Leipzig 1993, S. 21 – 39, hier S. 28.