KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 7
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Das Leben von
Ernst Ludwig Kirchner
(1880 – 1938)
Martina Nommsen
Maria und Ernst Kirchner leben 1880 in Aschaffenburg, als ihr
Sohn Ernst Ludwig am 6. Mai geboren wird. Er ist ein aufmerksamer Junge, der viel Zeit am Fenster seines Zimmers mit Blick auf
den gegenüberliegenden Bahnhof verbringt. Schon als Kind beobachtet er seine unmittelbare Umgebung: Die Gebäude um ihn
herum, das rege Bahnhofstreiben und die geschäftigen Menschen
auf der Strasse faszinieren ihn. All diese Eindrücke zeichnet er
mit Farb- und Bleistiften auf Papier.
Aus dem Studium
in die künstlerische Freiheit
Studio J. Samhaber/
Aschaffenburg,
Ernst Ludwig Kirchner,
1881 /82
Nachlass Eberhard W.
Kornfeld, Bern
Ernst Ludwig Kirchner,
Selbstporträt, um 1928
Kirchners intensiver Wunsch, Maler zu werden, stösst bei den
Eltern auf verhaltenen Zuspruch. Besonders der Vater wünscht sich
einen gesellschaftlich akzeptierten Beruf für seinen Sohn. So
geht Kirchner einen nicht ganz uneigennützigen Kompromiss ein:
Nach seinem Abitur beginnt er an der Dresdner Hochschule ein
Architekturstudium, schreibt sich dort aber vor allem für künstlerische Seminare ein. Er besucht Kurse im Freihand- und Aktzeichnen
sowie in Kompositionslehre und fertigt erste eigene Arbeiten.
Das Studium ist in vielerlei Hinsicht wegweisend. Es ermöglicht
ihm nicht nur die künstlerische Grundausbildung, sondern
auch die finanzielle Unterstützung durch die Familie und schafft
dadurch die Freiheit für eine intensive Auseinandersetzung
mit Kunst. Kirchner geniesst das Studentenleben: Er trifft sich mit
Freund:innen, geht auf Reisen an die Moritzburger Seen und
erarbeitet mit anderen jungen Student:innen neue künstlerische
Ausdrucksmöglichkeiten. Mit der Gründung der Künstlergruppe
Brücke 1905 ebnet er sich schliesslich gemeinsam mit seinen
Kommilitonen Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff
den Weg in die Kunstwelt. Er vernetzt sich mit anderen Künstler:innen und verbringt neben Museums- und Ausstellungsbesuchen die Nächte mit seinen Künstlerfreund:innen in Bars und
Cafés. Eines Abends trifft er dort auf seine erste Freundin Doris
Grosse, «Dodo» genannt. Sie ist Modistin bei Tag und Modell
bei Nacht und tritt in zahlreichen Werken Kirchners aus dieser
Zeit auf.