KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 63
61
Zwischen Bewunderung und
Eigenständigkeit
Ernst Ludwig Kirchners Verhältnis zur französischen Avantgarde war komplex. Einerseits
faszinierte ihn die künstlerische Energie, die von
Paris ausging, andererseits wollte er sich bewusst abgrenzen. Dennoch kam er nicht umhin,
sich mit der Künstlergruppe der Fauves und
mit Picasso auseinanderzusetzen. Spätestens
nach der berühmten Kölner Sonderbundausstellung von 1912, wo Werke von Kirchner und
Picasso zu sehen waren, waren seine Reaktionen
auf die Kunst des spanischen Zeitgenossen
nicht mehr zu übersehen und vertieften sich ab
1925 noch weiter.
Künstlerische Rivalität oder
stille Inspiration?
In der Schweiz setzte in Kirchners künstlerischer
Entwicklung Mitte der 1920 er-Jahre ein Wandel
ein. Der sogenannte Neue Stil ist gekennzeichnet durch eine reduzierte Linienführung,
klarere Formen und eine gesteigerte formale
Strenge. In dieser Phase wird eine mögliche Auseinandersetzung mit internationalen Strömungen der Zeit sichtbar, darunter auch mit Picassos
surrealistisch geprägten Arbeiten. Als 1932 in
Zürich eine umfassende Picasso-Retrospektive
gezeigt wurde, nutzte Kirchner die Gelegenheit,
die Werke seines Kollegen erneut intensiv
zu studieren. In einzelnen Werken dieser Jahre
lassen sich formale Parallelen erkennen, die
auf eine bewusste künstlerische Reaktion auf
Picasso verweisen. Dabei blieb Kirchners
Position eigenständig: Er nahm Impulse auf, entwickelte sie jedoch in einer persönlichen Bildsprache weiter, die durch einen systematisch angelegten Farbeinsatz und die kontinuierliche
Reflexion seiner Motivwelt geprägt ist.
Ernst Ludwig Kirchner,
Nackte liegende Frau,
1931