KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 41
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Was bedeutet dieser Zustand für die
Negative und die darauf befindlichen
Abbildungen ?
PH
Dieser Aspekt ist wirklich interessant – der
beschriebene Zustand ist bei so alten Negativen
nicht unüblich. Aber der Haken bei Kirchner ist:
Als gelungenes Foto gilt – zumindest aus Sicht
der Reproduktionsfotografie – eigentlich immer
das, bei dem das Medium unsichtbar bleibt.
Und sobald sich das Medium als Objekt oder
Material bemerkbar macht, wird es kompliziert.
Was sehen wir da eigentlich? Ist es die reproduzierte Zeichnung, die Vorlage? Oder ist es eine
chemische Spur, ein Fleck, ein Kratzer, eine
Beschädigung auf dem Material, auf der Emulsionsschicht? Das ist spannend, denn es ist nicht
klar erkennbar, was hier sichtbar ist, das fotografische Material oder die fotografierte Vorlage.
MG
Angesichts dieser altersbedingten
Schäden und Spuren stellen sich für mich
ganz grundlegende Fragen. Wir müssen
uns auch vergegenwärtigen, wie Kirchner
selbst mit seinen Negativen umgegangen ist,
wie er sie aufbewahrt, vielleicht sogar
bewusst bearbeitet oder dem Verfall preisgegeben hat. Heute erschweren uns diese
Spuren der Zeit die präzise Wahrnehmung
des abgebildeten Kunstwerks. Wie gehst du
damit in der Digitalisierung um ? Kann man
das retuschieren ? Will man das überhaupt ?
Und wo verläuft die Grenze ? Das sind ja
ethische Fragen – es geht letztlich um den
Authentizitätscharakter deiner digitalen
Aufnahmen . Wie ist deine Haltung dazu ?
Es ist fast unmöglich, aus diesen Vorlagen eine
perfekte schwarz-weisse Reproduktionsfotografie zu machen. Kirchners Aufnahmen haben
zum Teil Unschärfen oder wurden ungleichmässig ausgeleuchtet. Eine einseitige Beleuchtung kann ich korrigieren, Unschärfen in
dem Ausmass nicht. Im Prinzip könnte man
diese Abbildungen korrigieren, aber die Frage ist:
Was gewinnen wir dadurch? Eigentlich nichts.
MG
Das Einzige, was ich retuschiere, sind einzelne,
frische Staubkörner. Aber teilweise klebt da
der Staub von Jahrzehnten an den Negativen –
den bekomme ich nicht weg. Und er gehört
meiner Ansicht nach auch dazu. Hinzu kommt
noch die Tatsache, dass Kirchner teilweise
mit orthochromatischem Filmmaterial gearbeitet
hat. Die Emulsion dieses Materials reagiert
auf Licht im kurzwelligen Bereich, auf Rottöne
hingegen nicht. Eine schwarze Katze auf einem
rot gestreiften Sofa zum Beispiel (wie auf
dem Gemälde Wohnzimmer von 1923) erscheint
auf dem Negativ weiss, genau wie die Streifen
auf dem Sofabezug. Ich glaube, was ich jetzt
aufnehme, ist ein Foto des Negativs als Objekt –
im jetzigen Zeitpunkt, im jetzigen Zustand.
Du sprachst davon, dass dieses Material
zur Zersetzung neigt. Könnte man deine
Arbeit also als eine Form digitaler Konservierung verstehen – oder würdest du das
anders sehen ?
PH
Das sehe ich genauso. Ich finde den Prozess
der Digitalisierung an sich faszinierend – er hat
etwas fast Archäologisches. Auch das Ausgangsmaterial selbst … Man nimmt so ein Negativ
in die Hand, wendet es, betrachtet es von beiden
Seiten – aber das Motiv erkennt man oft gar
nicht richtig. Viele Negative sind kaum noch
durchlässig, fast ein wenig «erblindet ». Da sind
über die Jahre zahlreiche chemische Prozesse
abgelaufen, und die Oberfläche wirkt milchig.
Erst wenn ich das Negativ auf das Leuchtpult
lege, beginnt es langsam wie das auszusehen, was
man ursprünglich erwartet hatte.
Dabei entstehen ganz unterschiedliche Ebenen: Meine Aufgabe besteht ja darin, eine
möglichst originalgetreue Reproduktion einer
bereits vorhandenen Reproduktion anzufertigen.
Doch dazwischen liegt das Medium selbst –
das Negativ in seinem jetzigen Zustand –, und
das macht sich eben auch bemerkbar.
MG