KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 36
Kirchner und die Technik
der Fotografie
34
Martina Nommsen
Anfang des 20. Jahrhunderts begann Ernst Ludwig Kirchner,
sich mit dem Medium der Fotografie und ihren technischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
DIE FOTOGRAFISCHEN
MITTEL UND MATERIALIEN
Reise-Fotoapparat mit
Umhängetasche und
Zubehör von Ernst Ludwig
Kirchner, nach 1885
R. Lechner’s Photographische
Manufaktur ( Wilh. Müller),
Wien
Die Anfänge der Fotografie waren recht umständlich. Das fotografische Abbild wurde entweder auf einer Glasplatte oder später
auf einem Planfilm aufgenommen. Die Fotoplatten wurden mit
einer Emulsion bestrichen und bestanden zu Kirchners Zeiten aus
Glas. Der flache Planfilm wiederum wurde aus Zellulose gefertigt
und war im Gegensatz zu den Glasplatten biegsam, bruchfest
und bedeutend leichter.
Heutzutage ermöglicht es eine Vielzahl von technischen Hilfsmitteln, das perfekte Foto zu schiessen. Zu Kirchners Zeiten
war diese Auswahl sehr viel eingeschränkter und er selbst fertigte
die meisten seiner Fotografien draussen bei Tageslicht an. Er
griff nur auf zwei Instrumente zurück, die im Innenraum Verwendung fanden. Deutliche Schattenfälle auf diesen Fotografien
zeigen, dass Kirchner eine künstliche Lichtquelle einsetzte, um
seine Aufnahmen besser ausleuchten zu können. Dabei verwendete er eine Kohlebogenlampe, den Vorläufer der Glühbirne.
Zusätzlich nutzte er in einigen Aufnahmen einen Wannenreflektor,
um das Licht gezielter einsetzen zu können.
DIE FOTOAPPARATE DES KÜNSTLERS
« Ich habe jetzt meinen
grossen Apparat hier,
mit dem sich
gut arbeiten lässt. » 1
1 Brief von Ernst Ludwig Kirchner an
Nele van de Velde vom 12. Mai 1919, zit. n.
Eberhard W. Kornfeld und Kurt Wyss,
«Die fotografische Technik Ernst Ludwig
Kirchners», in: Roland Scotti (Hrsg.),
Ernst Ludwig Kirchner. Das fotografische Werk,
Bern 2005, S. 28.
Kirchner besass vier verschiedene Kameramodelle, die er zwischen
1909 und 1937 situationsbedingt abwechselnd verwendete.
Sie verfügten über unterschiedliche Aufnahmeformate. Dadurch
lässt sich ihr Einsatz anhand von Kirchners Aufnahmen auf
bestimmte Zeiträume datieren.
Die grossformatige Zeiss Ikon war Kirchners erste und leistungsfähigste Kamera, die er bereits 1909 erwarb und bei seinem
Aufenthalt in Davos 1919 für erste Aufnahmen benutzte. Der aus
Holz gefertigte Apparat musste auf einem Stativ befestigt
werden und war wegen seiner Grösse und seines Gewichts recht
unhandlich. Das Aufnahmeformat war 18 × 24 cm. Für einige
Fotografien setzte Kirchner einen Reduktionsaufsatz ein, um die
Bildgrösse auf 12 × 16,5 cm zu verringern. Die Kamera war mit