KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 34
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RETUSCHEN MIT
BLEISTIFT
Die Nitratnegative bilden ein umfangreiches Konvolut von Aufnahmen, die Kirchner selbst angefertigt hat – hauptsächlich
Fotografien seiner Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier.
Dieser Bestand bildet einen spezifischen Teil seines fotografischen Schaffens.
Schon 2022 hatte die Fotorestauratorin Nadine Reding im
Rahmen einer Archivbegutachtung eine wichtige Beobachtung gemacht : Einige Negative weisen manuelle Bearbeitungsspuren
auf. Während der Digitalisierung durch Philipp Hitz wurde dieser
Befund überprüft und eingehend dokumentiert. In mehreren
Fällen lassen sich auf der Emulsionsseite gezielte Retuschen mit
Bleistift nachweisen – insbesondere zur Verstärkung von Kontrasten, zur Akzentuierung von Schattierungen und zur Nachzeichnung von Konturen.
Die Bleistiftretusche war um 1900 ein gängiges Verfahren
in der Fotopraxis : Sie diente dazu, störende Details zu korrigieren,
Tonwerte anzupassen oder einzelne Bildbereiche zu optimieren.
Vor allem bei Kontaktkopien – wie Kirchner sie verwendete – bot
diese Methode eine Möglichkeit, gezielt einzugreifen, wo Belichtung allein nicht ausreichte. Entscheidend war dabei eine feine
Hand und ein gutes Auge für Nuancen, um die Retusche harmonisch in das Bild zu integrieren.
KIRCHNERS SPUREN
Nach Einschätzung von Hitz lassen sich Kirchners Eingriffe als
Reaktion auf die begrenzte Wiedergabefähigkeit des fotografischen
Materials verstehen. Der Vergleich mit den Originalwerken
dürfte Kirchner deutlich gemacht haben, dass die Reproduktionen
in den Grauwerten nicht den gewünschten Kontrastumfang
zeigten. Anstatt – wie damals in der professionellen Fotografie
üblich – mit Farbfiltern zu arbeiten, griff er offenbar direkt zum
Bleistift, um die fehlenden Kontraste auf dem Negativ zu ergänzen.
In einem besonders aufschlussreichen Fall wurde eine
kleine Figur auf dem Negativ nachbearbeitet, vermutlich weil sie
sonst auf dem Abzug kaum sichtbar gewesen wäre. Um diesen
Effekt gezielt zu steuern, standen zwei Techniken zur Verfügung :
das Aufhellen durch vorsichtiges Kratzen, das bei Kirchner als
Schraffuren zu sehen ist, oder das Abdunkeln durch Bleistiftauftrag – wodurch die Figur im Positiv heller erscheint. Die Präzision,
mit der diese Bearbeitungen vorgenommen wurden, spricht
für eine reflektierte und technisch versierte Vorgehensweise.
Sie scheinen das Ergebnis mehrerer Versuche zu sein und deuten
auf eine bewusste gestalterische Kontrolle innerhalb des fotografischen Prozesses hin.