KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 31
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So lässt sich gerade an frühen Entwurfszeichnungen zur Reiterin
nachvollziehen, dass Kirchner Anfang der 1930er - Jahre verschiedene Strategien einsetzt, um nach wie vor dasjenige festzuhalten, was ihn an einem Gegenstand, der ihm begegnet, «zum
Schaffen draengt». Eine Fotografie der jungen Rosita Schneider
auf einem Pferd dient offenbar nur dazu, sich das ursprüngliche,
umfassendere Erlebnis ins Gedächtnis zu rufen. Mit seinen
ersten Zeichnungen geht Kirchner geradezu dagegen an, dass
dieses, von einem einäugigen Gerät festgehaltene Bild an die
Stelle des ersten subjektiven Eindrucks tritt. So zeichnet er Pferd
und Reiterin auch nicht direkt nach ihrem fotografischen Abbild, wohl aber indirekt nach dem darauf festgehaltenen Schatten.
Dann versucht er in einer schnellen zeichnerischen Umsetzung,
sich der komplexen Erinnerung an die Begegnung ganz unabhängig vom Lichtbild zu nähern. In der Folge vereinfacht und
abstrahiert er Komposition und Bildelemente zunehmend, offenbar im Bestreben, den ursprünglichen Impuls zum Aufgreifen
des Motivs mehr und mehr zu destillieren. Insofern hat Kirchners
künstlerische Arbeit hier, wie im späteren Werk allgemein,
etwas Selbstanalytisches, wobei seine Reaktion auf die Kunstgeschichte und die zeitgenössische Kunst in vielfältiger Weise mehr
oder weniger bewusst in die Gestaltung hineinspielt. Dies meinte
er also wohl mit der Bemerkung, dass «in so einem Bilde alles
wieder darin ist».