KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 30
Ein ganz anderes, wohl wirklich emotionales Angehen der
Bildidee dokumentiert ein ebenfalls frühes, grossartiges Einzelblatt (Abb. 4), das die Gestalt mit Feder fasst, und zwar in einem
raschen Wurf. Es scheint, als habe Kirchner hier mehr eine
Erinnerung wiedergeben wollen als sein ( fotografisch informiertes ) Wissen um die Erscheinung einer Frau zu Pferde. Das Tier
wirkt nun bewegt wie im Lauf. Einzelformen befreien sich und
kommunizieren mit verschiedenartigen Linien, die wohl zur
Charakterisierung des Hintergrundes gehören. Durch das Schraffieren von Partien werden immerhin Reiterin und Ross voneinander abgesetzt. Zudem entwickelt sich vom Kopf des Pferdes
eine ebenfalls schraffierte, gestreckte und abgerundete Form,
die auf den Hinterbeinen des Tieres endet und so für einen zusätzlichen Zusammenhalt der Figurenmomente sorgt – die erste
Manifestation eines selbstständigen Schattens der Reiterin, der
dann später in komplizierter Form auf ähnliche Weise die gesamte
Gestalt durchziehen wird.
Abb. 4
Ernst Ludwig Kirchner,
Reiterin, 1931/32.
Zeichnung 70
des Skizzenbuchs
1902 –1933
Museum Folkwang
Essen