KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 29
27
Abb. 3
Ernst Ludwig Kirchner,
Reiterin, 1931
Nachlass Ernst Ludwig
Kirchner, courtesy
Galerie Henze &
Ketterer, Wichtrach /
Bern
5 Brief von Ernst Ludwig Kirchner
an Kurt Hentzen vom 19. November 1932
( wie Anm. 1 ).
6 Karin Schick und Heide Skowranek,
« Reiterin, 1931/32 », in : « Keiner hat
diese Farben wie ich». Kirchner malt,
Ausst.-Kat. Kirchner Museum Davos,
Ostfildern 2011, S. 158 – 163, hier S. 159 – 161.
Kirchner entwickelte das Motiv der Reiterin aus einer Begegnung
mit der 24-jährigen Rosita Schneider, Mitbesitzerin des Cafés
Schneider in Davos, die ihn 1931 zu Pferde besuchte.5 Bei dieser
Gelegenheit machte er ein Foto (Abb. 2), das Reiterin und Pferd
in leichter Untersicht auf einer Wiese auf dem Wildboden festhält,
im Hintergrund links das Schiahorn, rechts das Silvretta-Massiv.
Diese Aufnahme wurde zur wichtigen Orientierung für den Künstler beim Entwickeln der Komposition.6 Die attraktive zierliche
Frau in strenger Reitkleidung, rittlings (und im Sattel) auf einem
kräftigen Hengst, mag erotische Fantasien geweckt haben, die
dann zur spezifischen Ausgestaltung der Bildfiguren führten.
Doch das Foto hielt für Kirchner nur einen Teil der Erinnerung
an die Begegnung fest. Auffälligerweise stehen bereits am Beginn
seiner zeichnerischen Erarbeitung Entwürfe, die unverkennbar
ein Suchen danach belegen, wie er über die fotomechanisch
erfasste Gestalt hinausgehen kann, wohl im Wunsch, das subjektive Erleben der Reiterin zu fassen. Eine Kreidezeichnung (Abb. 3)
bleibt jedoch dicht am Lichtbild, wenn auch nicht an seinem
Hauptgegenstand. Sie erfasst das Motiv eigenartig schräg und
gelängt, weil Kirchner hier vor allem den Schatten auf der Wiese
nachzeichnete und nur um Details der Reiterin ergänzte, die auf
dem Foto vom Pferd verdeckt werden. Auf dieser Zeichnung
entsprechen bereits die langen Pferdebeine und die verkleinerte
Reiterin dem späteren Bild. Auch der auffällige Zusammenschluss
zweier Beine des Tieres im Gemälde findet sich bei der nachgezeichneten Schattenform. Ging Kirchner, im Gegensatz zum
Höhengleichnis Platons, vielleicht davon aus, dass der Schatten,
als erstes zweidimensionales Abbild, näher am Erlebnis der Wirklichkeit sei als die fotografische Ablichtung ?