KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 26
Erlebnis und Fotografie
beim späten Kirchner –
das Motiv der Reiterin
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Thomas Röske
Auch in den 1930 er - Jahren verwendete Kirchner immer wieder
eigene Fotografien als Anregung für Zeichnungen, Gemälde
und Druckgrafiken. Genauer wurde ihre Funktion bislang noch
nicht untersucht. Aufschlussreich ist die Arbeit des Künstlers
an dem Motiv der Reiterin von 1931/32, die sich in Zeichnungen,
Aquarellen, einem Holzschnitt und zahlreichen Skizzen niedergeschlagen hat. Eigentlicher Zielpunkt war sein Gemälde
Reiterin (Abb. 1), mit 200 × 150 cm eines seiner grössten. Es entstand
für die Herbstausstellung der Berliner Akademie der Künste
im Jahr 1932 – der ersten Schau dieser Institution, an der Kirchner
als Mitglied (seit 1931) teilnahm. Von der Kritik wurde es damals
lobend herausgestellt, die Zeitschrift Das Kunstblatt widmete
ihm sogar das Titelbild ihrer November-Nummer.
Dem befreundeten Landschaftsarchitekten Kurt Hentzen
erklärte Kirchner in einem Brief, dass er lange an der Leinwand
gearbeitet habe, « weil in so einem Bilde alles wieder darin ist,
nicht nur ein Teil der Kunst, wie im sogenannten Impressionismus
und keine Zufallsperspektive und Zufallsausschnitt ».1 Tatsächlich
sind hier Frau und Pferd sogar vollständiger zu sehen, als sie
einem statischen Betrachter in der Realität erscheinen würden.
«Die verschiedenen Ansichten, die beim Umgehen entstehen,
sind zu einer einheitlichen Form verbunden», beschrieb Kirchner
selbst das Verfahren im Bildkommentar des Katalogs zur Berner
Retrospektive von 1933. Hinzu kommt eine eigenständige
Schattenform wie in vielen seiner Bilder dieser Zeit: «Bei hellem
Sonnenschein treten in der Fernsicht die Schatten als selbständige
Formen aus dem Körper heraus und verbinden sich mit dem
vereinfachten Umriss zu einer neuen Form.»2 Es scheint, als habe
sich Kirchner mit seiner Reiterin einen Paragone mit einer Skulptur liefern wollen, möglicherweise sogar mit einem konkreten
Werk, der Amazone zu Pferde (1890 – 1895) vor der Berliner Nationalgalerie, dem Hauptwerk des älteren Akademiemitglieds
Louis Tuaillon.
1 Brief von Ernst Ludwig Kirchner an
Kurt Hentzen vom 19. November 1932, in:
Ernst Ludwig Kirchner, Der gesamte
Briefwechsel. «Die absolute Wahrheit, so wie
ich sie fühle», hrsg. von Hans Delfs,
Bd. 3: Briefe von 1930 bis 1942, Zürich 2010,
S. 1651 (Nr. 2745).
2 Ernst Ludwig Kirchner, Ausst.-Kat.
Kunstmuseum Bern, Bern 1933, S. 34
(Nr. 103).