KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 24
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DAS ATELIER
ALS LEBENSFORM
Kirchners Ateliers – insgesamt sieben in Deutschland und der Schweiz – offenbaren eine konsequent gegenkulturelle Lebenspraxis jenseits
bürgerlicher Wohntraditionen. Bereits in Dresden
und Berlin hatte er eigensinnige, bewusst
exotisierte Enklaven geschaffen, die ihm einen
ungestörten Rückzug in alternative Lebensformen
ermöglichten. Im Sinne der Reformbewegung
gestaltete er diese Wohnateliers nicht lediglich
als Orte künstlerischer Produktion, sondern
als radikal subjektive, durchkomponierte Lebensräume. So wurde das Atelier selbst zum Kunstwerk und zur Projektionsfläche eines neuen
ästhetischen Ideals.
In diesem Sinne wird auch Kirchners Davoser
Rückzugsort auf dem Wildboden zum verdichteten Ausdruck seiner Lebens- und Arbeitsweise. In diesen Jahren empfängt er regelmässig
Besuch von Sammler:innen, Kunsthistoriker:innen und befreundeten Künstler:innen, darunter die Basler Hermann Scherer ( 1893 – 1927 ),
Albert Müller ( 1897 – 1927 ) und Paul Camenisch
( 1893 – 1970 ). Zwischen 1923 und 1925 entsteht
in enger Zusammenarbeit mit Scherer und
Müller eine Reihe gemeinsamer Skulpturen und
Gemälde. Eine Fotografie mit dem Titel
Das « Bildhaueratelier » neben dem Wildbodenhaus
zeigt drei Holzskulpturen von Scherer sowie
Kirchners eigene Figurengruppe Die Freunde.
Besonders eindrücklich sind Kirchners fotografische Aufnahmen dieser Jahre, die die
gemeinsame Arbeit dokumentieren. Als Momentaufnahmen des künstlerischen Dialogs zeigen
sie das Freiluftatelier, den intensiven Austausch
mit seinen Schüler:innen und die Entstehung
skulpturaler Werke.
In den Fotografien aus dem Wildbodenhaus
überlagern sich private Erinnerung, dokumentarischer Blick und künstlerische Komposition.
Sie entziehen sich einer klaren Zuordnung
und machen Kirchners erweitertes Verständnis
des Ateliers sichtbar – als Lebensraum, als künstlerisches Experimentierfeld und nicht zuletzt
als stete Inspirationsquelle für sein Werk.
Ernst Ludwig Kirchner,
Erna Schilling, Paul
Camenisch (sitzend),
Hans Rohner und Lotte
Kraft Rohner vor dem
Wildbodenhaus,
nach 1925
Ernst Ludwig Kirchner,
Stehender weiblicher
Akt (Traurige Frau, 1921 )
vor einem Gemälde,
um 1924