KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 21
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Ernst Ludwig Kirchner,
Wasserfall des Sertigbaches am Ende
des Sertigtales, Davos
Sertig, um 1928
Die Fotografie war für Kirchner kein Gegensatz zur Malerei,
sondern ihr Gegenüber. Sie bot ihm die Möglichkeit, seine künstlerischen Fragestellungen mit neuen Mitteln zu durchdringen,
sein Sehen zu schärfen, seine Formensprache weiterzuentwickeln.
Nicht zuletzt schuf sie ein umfangreiches Bildarchiv, aus dem
er versatzstückhaft schöpfen konnte. In der kreativen Wechselwirkung beider Medien, in der Art, wie Kirchner malerisches
Sehen in fotografische Bilder übersetzte – und umgekehrt –, liegt
ein Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerks: die Fotografie
als künstlerischer Resonanzraum.
Anfänglich durch gesundheitliche Einschränkungen noch am Malen gehindert, beginnt
Kirchner, seine Eindrücke fotografisch zu ordnen.
In einem Brief aus dem Januar beschreibt er,
unter dem Eindruck seines ersten Aufenthalts
auf der Stafelalp im Jahr zuvor, die Spannung
zwischen Schaffensdrang und körperlicher
Erschöpfung. Es wäre so viel möglich – « gerade
in Verbindung mit der gewaltigen Natur der
EIN NEUER BLICK
Berge » –, wenn er nur könnte. Die Kamera wird
ihm zum Werkzeug des künstlerischen Prozesses.
Als Ernst Ludwig Kirchner im Sommer 1918
Sie erlaubt es, Lichtverhältnisse, räumliche
endgültig nach Davos übersiedelt, erschliesst sich Strukturen und Kompositionen zu erfassen –
ihm nicht nur ein neuer geografischer, sondern
ein visuelles Annähern, das später in seine Bildauch ein neuer künstlerischer Raum. Er verbringt sprache einfliesst.
erneut mehrere Wochen in der Hütte auf der
Kirchners fotografischer Blick richtet sich
Stafelalp, bevor er im Frühherbst weiter hinunter auf das, was ihn im Alltag umgibt: die Berglandins Tal zieht. Die hochalpine Landschaft mit
schaft, das bäuerliche Leben, sein Haus auf
ihren markanten Kammlinien, steilen Hängen
der Stafelalp und die Menschen in seiner Nähe.
und wechselnden Lichtverhältnissen prägt seine Dabei geht es ihm nicht um dokumentarische
Wahrnehmung und fordert ihn zu neuen geGenauigkeit, sondern um grundsätzliche bildnestalterischen Antworten heraus. Inmitten dieser rische Strukturen – um Haltungen, Gesten
Umgebung gewinnt die Fotografie erneut an
und räumliche Konstellationen mit zeitloser
Bedeutung – nicht nur als dokumentarisches Mit- Gültigkeit.
tel, sondern als Instrument der visuellen Erkundung und bildnerischen Reflexion. Das ländliche
Umfeld und die Schweizer Bergwelt werden
für ihn nun zur zweiten künstlerischen Heimat.