KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 19
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Ernst Ludwig Kirchner,
Selbstporträt im Atelier,
1913 / 15
Ernst Ludwig Kirchner,
Das «Bildhaueratelier»
neben dem Wildbodenhaus,
1924
Ernst Ludwig Kirchner,
Selbstporträt mit Zigarette
vor dem Wildbodenhaus,
nach 1935
DIE KAMERA
ALS DENKWERKZEUG
Ernst Ludwig Kirchner,
Erna Schilling, Walter Kirchner
und Ernst Ludwig Kirchner
vor dem Haus «In den Lärchen»,
1923
Doch Kirchners Fotografie war weit mehr als dokumentarisches
Beiwerk. Sie war ein integraler Bestandteil seines künstlerischen
Prozesses – ein Denk- und Skizzeninstrument, ein Medium
zur Erforschung von Form, Haltung und Bewegung. Komposition
scheint dabei nicht die oberste Priorität gewesen zu sein. Seine
Aufnahmen zeigen keine Phasen des Aufbaus, keine klar inszenierten Szenen. Anders als viele Zeitgenöss:innen, die mit
Requisiten und minutiös gestalteten Tableaus arbeiteten, verzichtete Kirchner auf das grosse Bühnenbild. Stattdessen rückte er,
ganz in expressionistischer Manier, den spontanen Moment in den
Mittelpunkt. In vielen dieser Fotografien verschwimmen so
die Grenzen zwischen dokumentarischer Aufnahme und künstlerischer Gestaltung. Kirchners fotografisches Werk changiert
zwischen festgehaltenem Alltag und formbewusster Inszenierung,
zwischen intuitiver Skizze und durchdachtem Bildkonzept.
Dass er darin nicht bloss einen Nebenschauplatz seiner Kunst sah,
zeigt sich auch in einem Brief, den er 1937 aus Davos an seinen
Künstlerfreund Jan Wiegers schreibt. Hier blickt Kirchner auf sein
Lebenswerk zurück – und reflektiert zugleich die Herausforderung, der sich die Kunst im Zeitalter der Fotografie stellen musste: