KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 17
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Die Erfindung der Fotografie veränderte im 19. Jahrhundert nicht
nur die Art, wie Menschen ihre Umwelt wahrnahmen, sondern
auch, wie Künstler:innen sie darstellten. Plötzlich konnte ein
technisches Gerät das leisten, was zuvor der Malerei vorbehalten
war: die nahezu exakte Abbildung der Wirklichkeit. In rasantem
Tempo entwickelte sich die Fotografie zur allgegenwärtigen
«Bildmaschine», zugänglich für alle, die es sich leisten konnten.
Vor allem Porträts liessen sich nun mit beispielloser Leichtigkeit
und Präzision festhalten. Für die Malerei war das ein Einschnitt.
Ihre Jahrhunderte währende Rolle als Dokumentationsmedium
geriet ins Wanken – und damit auch ihr Selbstverständnis.
EINE NEUE BILDSPRACHE
ENTSTEHT
Ernst Ludwig Kirchner,
Nina Hard (Engelhardt) im
oberen Geschoss des
Hauses «In den Lärchen»,
1921
Während einige Künstler:innen den Rückzug antraten und nach
neuen Ausdrucksformen jenseits des Realismus suchten, eröffneten sich anderen ganz neue Perspektiven: Die Fotografie wurde
zum Inspirations- und Arbeitsmittel, zur Bühne für Experimente
und diente zur visuellen Forschung. Eine produktive Wechselwirkung entstand: Die Malerei beeinflusste das neue Medium
ebenso wie umgekehrt. Komposition, Lichtführung und Inszenierung wurden zur gemeinsamen Sprache – und auch das scheinbar Zufällige, der abgeschnittene Bildrand oder der flüchtige
Moment fanden ihren Weg von der Fotografie zurück auf die Leinwand. Dass viele Künstler:innen die Fotografie der Malerei
unterordneten, lag dabei nicht an mangelnder Begabung, sondern
war das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Sie nutzten
die Kamera nicht primär, um ein fertiges Kunstwerk zu schaffen,
sondern als Werkzeug, um ihr eigenes Schaffen besser zu verstehen. Die Fotografie erlaubte es ihnen, den kreativen Prozess zu
reflektieren – sie machte sichtbar, was im Atelier oft nur intuitiv
geschah.