KMD-MAGAZIN-JUNI2025 - Flipbook - Seite 14
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« Man lernt überhaupt erst hier den Wert der
einzelnen Farben kennen. » 4
Sein letzter Wohnort wird das Haus auf dem Wildboden, das er
im Oktober 1923 bezieht und wo er sich im Freien sein Bildhaueratelier einrichtet. Die Davoser Jahre sind gekennzeichnet von
seinem intensiven Schaffensdrang und dem künstlerischen Ausdruckswillen, der sich nicht nur in Gemälden und Druckgrafiken
niederschlägt, sondern ebenfalls in Fotografien, Zeichnungen,
Textilien und plastischen Arbeiten. In den Bergen erlangt Kirchner
eine bedingungslose Freiheit, die seinen Gesundheitszustand
merklich verbessert und sich in seinen Werken in neuen Stilformen zeigt.
Das moderne Grossstadtleben
im Kleinen
Nun könnte man durchaus vermuten, dass Kirchner sich als eigenwilliger Künstler in seinen Berghütten zurückzieht, nur umgeben von Erna, seinen Atelierdekorationen und der Natur. Doch
im Gegenteil zeigt er sich als überraschend gesellige Persönlichkeit. Fast schon offensiv sucht er Kontakt zu anderen Künstler:innen, Galerist:innen, Museen und Sammler:innen. Er bekommt
Besuch von Familienmitgliedern und jungen Künstler:innen
wie Hermann Scherer, Albert Müller und Paul Camenisch, die bei
ihm arbeiten und von ihm lernen. Zudem ist Kirchner auf dem
Wildboden als Einziger in Besitz eines Grammophons und veranstaltet in seinem Haus fröhliche Tanzabende für seine Nachbar:innen, die an seine Vorliebe für das Variété erinnern. Dafür
spricht auch sein enger Kontakt mit der Zürcher Tänzerin
Nina Hard (Engelhardt), die den Sommer bei ihm verbringt und
für zahlreiche Bilder Modell steht. Und noch eine weitere Frauenfigur wird für ihn und seine künstlerische Ausdrucksform wegweisend : 1921 lernt er die Weberin Lise Gujer kennen, die in den
folgenden Jahren eindrucksvolle Wirkereien nach seinen Entwürfen herstellen wird. Das Leben in den Schweizer Bergen scheint
Kirchner gutzutun.
4 Zit. n. Ernst Ludwig Kirchner, Briefe
an Nele und Henry van de Velde, München
1961, S. 9.